18.04.2017
Teilhabe statt sozialer Spaltung

Aufstiegschancen statt sozialer Spaltung

Deutschland ist arm an Rohstoffen, aber reich an gut ausgebildeten Menschen. Jahrzehntelang war das der Humus, auf dem Wohlstand, sozialer Frieden und gesellschaftlicher Zusammenhalt in unserem Land wuchsen und ein Niveau erreicht haben, um das uns viele beneiden.  

Der Zuzug vieler schlecht oder gar nicht ausgebildeter Menschen im Zuge der Flüchtlingskrise führt dazu, dass das Qualifikationsniveau in Deutschland sinkt, so das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, und warnt vor „Bildungsarmut“. Nur rund 55 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge verfügen den IW-Angaben zufolge über einen Mittel- oder weiterführenden Schulabschluss. 24 Prozent haben die Schule ohne Abschluss verlassen und neun Prozent nie eine besucht.  

Sinkende Qualifikation, wachsende soziale Spaltung  

Die Integration dieser Menschen ist aufwändig und teuer, denn der Staat muss für Sprachkurse, Integrationsmaßnahmen und Sozialleistungen viel Geld ausgeben. Diesen Investitionen stehen später nur selten entsprechende Steuereinnahmen gegenüber, denn viele Flüchtlinge sind langfristig ohne Einkommen und auf staatliche Transferleistungen angewiesen.  

Auch für die Wirtschaft ist der niedrige Bildungsstand vieler Schutzbedürftiger keine gute Nachricht, denn er macht wenig Hoffnung, dass sich das Angebot an gut ausgebildeten Lehrlingsanwärtern oder qualifizierten Mitarbeitern in absehbarer Zeit verbessert. Dabei ist dem Bundesinstitut für Berufsbildung zufolge schon jetzt absehbar, dass bis zum Jahr 2030 rund drei Millionen Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung in Deutschland fehlen werden.  

Wenn das Qualifikationsniveau in Deutschland trotz steigender Studentenzahlen tatsächlich abnimmt, dann hat das fatale Folgen. Es bedroht unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, verschlechtert unsere Zukunftsaussichten (Stichwort Wissensgesellschaft) und verschärft die soziale Spaltung, denn wer schlecht qualifiziert ist, verdient auch weniger Geld.  

Auch viele Deutsche sind von Bildungsarmut bedroht  

Doch Bildungsarmut und fehlende berufliche Perspektiven sind kein exklusives Problem von Migranten. Rund 270.000 Schulabgänger sind derzeit in Deutschland im so genannten Übergangssystem „geparkt“. Nach dem allgemeinbildenden Schulabschluss soll es die Ausbildungsreife der jungen Menschen fördern und den Weg in eine Berufsausbildung erleichtern. Tatsächlich landen aber vor allem viele Hauptschüler ohne Abschluss in dieser Maßnahme. Sie haben keinen Ausbildungsplatz, unterliegen aber noch der Schulpflicht. Eine andere große Gruppe bilden Jugendliche aus weniger privilegierten Familien, die Probleme bei der Berufswahl und Ausbildungssuche haben.  

Diese Jugendlichen sind akut von Perspektivlosigkeit bedroht. Dass sie überhaupt im Übergangssystem gelandet sind, hat meist nichts mit mangelnder Begabung, sondern mehr mit fehlendem elterlichen Vorbild und Interesse zu tun. Denn ob ein Kind eine weiterführende Schule besucht und später vielleicht sogar ein Studium abschließt, hängt hierzulande vor allem vom Bildungsabschluss der Eltern ab. Das war früher schon so und ist es – allen sozialstaatlichen Maßnahmen und Bildungsreformen zum Trotz – bis heute so geblieben. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes besuchten im Jahr 2015 mehr als 60 Prozent der unter 15-Jährigen, deren Eltern selbst einen hohen Bildungsabschluss haben, ein Gymnasium. Bei Kindern von Eltern mit niedriger Bildung ist der Hauptschulbesuch hingegen kein Randphänomen: Zwar besucht auch ein Drittel dieser Kinder die Realschule, dicht gefolgt von Schulen mit mehreren Bildungsgängen. Mehr als jedes fünfte Kind geht allerdings auf eine Hauptschule, nur jedes siebte ein Gymnasium.  

Bildung unterstützen, Potenziale entfalten  

Aber können und wollen wir es uns als Gesellschaft eigentlich leisten, diese Menschen zurückzulassen? Wie viele Altenpflegehelfer, Erzieherinnen oder Servicekräfte fehlen, weil sie in Ermangelung besorgter Eltern oder einer von Krieg und Vertreibung geprägten Kindheit nicht den benötigten Schulabschluss gemacht oder eine Ausbildung abgeschlossen haben? Wieviel intellektuelles Potenzial liegt brach, wenn Akademiker mit Flüchtlingsstatus – denn auch die gibt es – in Deutschland keine adäquate Arbeit finden, weil ihr Abschluss nicht anerkannt wird oder ihnen niemand dabei hilft, ein Gespräch mit einem deutschen Personalchef zu trainieren?     

Was sie alle – ob Kinder aus bildungsfernen Familien, Jugendliche am Übergang zwischen Schule und Beruf, Migranten mit geringer Qualifikation oder Flüchtlinge mit akademischem Hintergrund – eint, ist, dass sie unsere Unterstützung brauchen. Wir müssen ihnen helfen, ihren Weg zu meistern, den Bildungsaufstieg zu schaffen, Hürden aus dem Weg zu räumen, um so ihr jeweils individuelles berufliches, aber auch persönliches und gesellschaftliches Potenzial entfalten zu können.  

Die Walter Blüchert Stiftung hat sich das Überwinden von Barrieren zur wichtigsten Aufgabe gemacht. Sie schafft Übergänge gerade da, wo staatliche Strukturen Brüche verursachen. Sie vernetzt Institutionen und deren Angebote und kann die Wirkung dadurch deutlich steigern – oft schon allein dadurch, dass die Schützlinge in unseren Projekten spüren, dass sie als Individuen wertgeschätzt und ernst genommen werden, dass sich jemand für ihre Bedürfnisse einsetzt und ihnen Orientierung gibt. Denn vor allem an Letzterem fehlt es oft.  

„angekommen in deiner Stadt“: Bildung und Freizeitangebote für junge Flüchtlinge  

Mit dem Flüchtlingsprojekt „angekommen in deiner Stadt“ unterstützen wir junge Geflüchtete zwischen 16 und 25 Jahren, die in Deutschland einen Schulabschluss machen und einen Beruf erlernen wollen. Das Programm startete 2015 in Dortmund als Kooperation mit dem Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW und der Stadt Dortmund, 2016 außerdem in Münster, Bielefeld und im Kreis Recklinghausen sowie 2017 in Essen.  

Das Flüchtlingsprojekt ruht auf zwei Säulen: Maßgeschneiderter, an Biografie und Leistungsstand orientierter Unterricht für einen schnellen Schulabschluss sowie Start in eine Berufsausbildung bei kontinuierlicher Begleitung und Betreuung an einem festen und sicheren Ort – auch nach der Schule. Jeden Nachmittag – auch in den Ferien – kümmern sich Profis um die Jugendlichen.  

Das heißt: Neben dem Unterricht in der Schule gibt es auch immer außerschulische Lern- und Freizeitangebote. Sie ergänzen den Unterricht, der im Idealfall in Spezialklassen mit nur 18 Schülern und wenn möglich in Co-Teaching mit Sozialpädagogen oder Fachleuten für „Deutsch als Fremdsprache“ stattfindet. Hier erlernen die Neuankömmlinge zunächst die deutsche Sprache, um danach die Schule mit dem bestmöglichen Abschluss zu verlassen und ins Berufsleben einzusteigen.  

Orientierung, Wertschätzung, Begleitung: „was geht!“ unterstützt beim Übergang zwischen Schule und Beruf

Auch mit dem Programm „was geht! Rein in die Zukunft“ setzt sich die Walter Blüchert Stiftung dafür ein, Jugendliche mit weniger günstigen Startbedingungen beim Übergang von der Schule in die Ausbildung zu unterstützen. Wir helfen Realschülern dabei, ihre Stärken zu erkennen und gemeinsam mit Trainern und Coaches Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Die Jugendlichen werden jeweils über zwei Jahre bis zum Schulabschluss und anschließend noch ein Jahr beim Start in die Ausbildung oder auf der weiterführenden Schule begleitet. Der dritte Jahrgang ist gerade mit 67 Schülern an den Start gegangen. Insgesamt werden in allen drei Jahrgängen derzeit mehr als 200 Jugendliche gefördert.  

In Dortmund haben wir das „was geht!“-Programm gerade als Modellprojekt für Schüler der Berufsfachschulen Typ 2 mit insgesamt 8 Berufskollegs neu konzipiert. Dazu kooperieren wir mit der Stadt Dortmund, der Agentur für Arbeit und den Berufskollegs in städtischer Trägerschaft. 60 Jugendliche haben sich erfolgreich beworben.  

Mit „hochform“ finden Akademiker mit Migrationshintergrund einen qualifizierten Arbeitsplatz  

Den von Hause aus sehr Begabten, aber durch Krieg, Flucht und Vertreibung Benachteiligten wenden wir uns im Projekt „hochform“ zu, das wir gemeinsam mit der Deutschen Universitätsstiftung und der Otto Benecke Stiftung ins Leben gerufen haben. Darin werden Flüchtlinge (vor allem aus Syrien, Irak, Iran und Afghanistan) gefördert, die in ihrer Heimat ein Hochschulstudium in einem MINT-Fach absolviert haben. Die Teilnehmer erhalten ein Coaching (unter anderem in den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung, deutsche Kultur, Kenntnisse der deutschen Arbeitswelt) und absolvieren in ihrem Fach ein Masterstudium in Deutschland. Dabei stehen ihnen je ein Professor an ihrer Universität und einer in ihrer Fachrichtung als Mentor zur Seite. Ziel des Programms ist es, dass die Flüchtlinge nicht nur in kürzester Zeit einen zweiten akademischen Abschluss machen, sondern auch einen geeigneten Arbeitsplatz finden.  

Inzwischen läuft das Projekt „hochform“ im zweiten Jahr. Derzeit werden 40 Studentinnen und Studenten betreut. Jedes Jahr sollen 20 bis 30 Studenten neu hinzukommen. Die Effekte sind großartig: jede / r Stipendiat wird nach Abschluss des Master-Studiums einen qualifizierten Beruf ausüben und damit einen wichtigen Beitrag in unserer Gesellschaft leisten. Dieser ist gerade vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Deutschen unablässig schrumpft und die Gesellschaft zur Sicherung ihres Wohlstands auf Akademiker mit naturwissenschaftlichem Know-how dringend angewiesen ist, nicht hoch genug einzuschätzen. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass ein Teil der Geförderten später in die Heimat zurückkehren will und wird. Doch auch dort werden sie mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen helfen, ihr Land wiederaufzubauen und ihm eine positive Zukunft zu geben.  

Barrieren überwinden – Bildungsaufstieg ermöglichen  

Die Beispiele zeigen: (Bildungs-) Barrieren sind nicht naturgegeben. Trotz schwieriger Voraussetzungen gelingt vielen der Schritt in ein finanziell und beruflich selbstbestimmtes Leben, wenn sie unterstützt werden.  

Genau das aber muss unser Ziel sein. Denn jede und jeder, der nur aufgrund fehlender Chancen auf der Strecke bleibt, ist ein großer Verlust für unsere Gesellschaft. Wir wissen nicht, was in ihm oder ihr gesteckt hätte.  

Bildung und Qualifikation sind der Schlüssel zu Teilhabe. Wer Bildungsaufstieg fördert, beugt nicht nur steigenden Kosten und wirtschaftlichen Problemen durch ein sinkendes Qualifikationsniveau, sondern auch wachsender sozialer Ungleichheit und der Ausbreitung von Parallelgesellschaften in unserer Mitte vor.  

Herzlichst
Ihr Gunter Thielen 



  1. * Angaben werden benötigt