04.10.2017
Mit Sicherheit gegen das Trauma

Es gibt Kinder, die müssen schon früh Unfassbares erleben. So wie Leo. Er ist bei seiner Oma aufgewachsen. Sie hat ihn jahrelang misshandelt und gedemütigt. Seitdem leidet Leo an Schlafstörungen und fühlt sich bedroht. Erschreckt er sich durch unerwartete Geräusche oder steigt ihm der Duft eines bestimmten Parfüms in die Nase, kann er innerhalb von Sekunden völlig ausrasten.

In einer als lebensbedrohlich empfundenen Situation war niemand da, der Leo beschützt hat. Er hatte keine Chance zu fliehen oder die Bedrohung auf andere Weise zu beenden. Er hat völlige Hilflosigkeit und existentielle Angst erlebt. Experten sprechen in einem solchen Fall von einem Trauma.

Weil er geistig behindert ist, kann Leo viele Zusammenhänge nicht erkennen. Das schützt ihn einerseits, andererseits verhindert es, dass er über sein Trauma sprechen und es verarbeiten kann.

In der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen finden traumatisierte Kinder und Jugendliche seit vielen Jahren nicht nur ein liebevolles Umfeld, sondern vor allem hoch kompetente professionelle Unterstützung. Im Wittekindshof können die 9- bis 19-Jährigen – oft das erste Mal in ihrem Leben – Spaß und Freude erleben, die sie wieder ins Gleichgewicht bringt. Dadurch können sie das Erlebte nicht vergessen. Aber es hilft ihnen, mit positiven Erfahrungen ein Gegengewicht zu ihrem Trauma zu schaffen.

 

Traumatisierte mit Intelligenzminderung brauchen besondere Unterstützung

Trotz dieser umfangreichen Erfahrung und anerkannten Expertise in der Traumapädagogik stießen die Mitarbeiter im Wittekindshof mit Kindern wie Leo immer wieder an ihre Grenzen. Schnell wurde deutlich: traumatisierte Kinder mit geistiger Behinderung brauchen eine andere, ganz besondere Unterstützung.

Da kam die Walter Blüchert Stiftung ins Spiel. Gemeinsam mit dem Wittekindshof haben wir im Jahr 2014 das Pilotprojekt „ABAKUS – Mein Leben zählt!“ aufgesetzt. Ziel von ABAKUS ist es, die bereits existierenden traumapädagogischen Konzepte auf den spezifischen Bedarf von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung anzupassen und ihnen an einem sicheren äußeren Ort innere Sicherheit zurückzugeben.

Dieser „sichere Ort“ entsteht im Wittekindshof zum einen durch stabile und belastbare Beziehungen, in denen die Kinder Vertrauen und Geborgenheit erleben. Solche Beziehungen herzustellen, erfordert spezielle Kompetenzen auf Seiten der Mitarbeiter und eine hohe Belastbarkeit, denn die Arbeit mit den traumatisierten, geistig behinderten Kindern ist psychisch und physisch sehr fordernd. Und sie ist personal- und zeitintensiv, denn die Kinder müssen Tag und Nacht, sieben Tage die Woche betreut werden. Gleichzeitig braucht der „sichere Ort“ auch ein räumliches Umfeld, in dem die Kinder gut leben und eine möglichst selbständige Lebensführung erlernen können.

 

Im Wittekindshof Geborgenheit finden – äußerlich und innerlich 

Dank ABAKUS haben die derzeit zehn auf dem Wittekindshof betreuten Kinder und Jugendlichen beides gefunden: Mitarbeiter, die sich 24 Stunden sieben Tage die Woche liebevoll um sie kümmern und ihnen damit innerlich einen sicheren Ort geben. Und sie haben rein äußerlich ein neues Zuhause gefunden, in zwei stationären Wohngruppen auf dem Gelände.

Was in Bad Oeynhausen Tag für Tag geleistet wird, verdient unseren größten Respekt. Gleichzeitig wissen wir, dass es vermutlich nur ein Tropfen auf den sprichwörtlich heißen Stein ist, denn aufgrund der begrenzten Kapazitäten können viele Kinder, die ebenfalls dringend Hilfe bräuchten, nicht angemessen versorgt werden. Bei unzähligen Betroffenen wird das Trauma nie erkannt und behandelt werden, denn die Dunkelziffer geistig Behinderter mit Traumatisierung ist hoch. Dabei wissen wir aus Studien, dass gerade diese Menschen signifikant häufiger Opfer sexueller Gewalt werden, Misshandlung, Vernachlässigung und Ablehnung erleben.

Wir werden nicht allen helfen können. Doch ein Anfang ist gemacht. Wie alle Projekte der Walter Blüchert Stiftung wird auch ABAKUS wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Erste Ergebnisse werden Anfang 2018 veröffentlicht werden. Vielleicht können die Ergebnisse ein Anstoß für andere Einrichtungen sein, dem Bad Oeynhausener Beispiel zu folgen.

 

Unsere Förderung hat wichtige Impulse gesetzt

Wir jedenfalls sind glücklich, dass wir mit unserer Pilotförderung einen Beitrag dazu leisten konnten, im schwierigen Bereich der traumapädagogischen Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung neue Impulse zu setzen. Gemeinsam haben wir ganz offensichtlich einen Stein ins Rollen gebracht: So sind Mitte September rund 100 Experten, darunter Jugendpsychologen, Traumapädagogen sowie Kinder- und Jugendärzte aus ganz Deutschland der Einladung des Wittekindshofs zur ersten Fachtagung zu diesem Thema überhaupt gefolgt. Sie waren sehr beeindruckt davon, wie gut es mithilfe des neuen Wittekindshofer Fachkonzepts gelungen ist, die betroffenen Kinder zu stabilisieren und positive Bindungen aufzubauen. Gleichzeitig haben die versammelten Experten beschlossen, sich künftig intensiver zu vernetzen, den fachlichen Austausch und die Kommunikation mit der Öffentlichkeit voranzutreiben, damit die Behandlung dieser besonders schweren Schicksale qualitativ und quantitativ weiter verbessert werden kann.     

Die beste Nachricht ist allerdings ist die, dass der Hoffnungsschimmer, den ABAKUS in das Leben der Betroffenen gebracht hat, mit dem Auslaufen der Förderung durch die Walter Blüchert Stiftung zum Jahresende nicht erlischt. Wir sind glücklich, das Projekt in gute Hände übergeben zu können. Wieder eine Barriere, die erfolgreich überwunden ist.

Herzlichst

Ihr Gunter Thielen



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