13.07.2017
Ein-Eltern-Familien: Zu viel Last für wenige Schultern

„Manchmal habe ich auf dem ganzen Weg zur Arbeit nur geheult“, berichtet Alexandra. „Zum Arzt bin ich trotzdem nicht gegangen, weil ich nicht fehlen wollte. Schließlich muss ich unseren Lebensunterhalt verdienen.“

So wie Alexandra geht es vielen alleinerziehenden Müttern. Sicherlich auch vielen Vätern, aber in neun von zehn Fällen wachsen die Kinder nach einer Trennung bei der Mutter auf. Doch unabhängig davon, ob weiblich oder männlich: Alleinerziehende tragen eine große Last. Meistens bleibt alles an ihnen hängen: die Sorge um Job und Einkommen, die Kindererziehung, der Haushalt und oft der Streit mit dem Ex-Partner.

Geld beziehungsweise seine Knappheit sind häufig das dominante Thema. Kein Wunder: 40 Prozent der Ein-Eltern-Familien sind auf Hartz IV angewiesen. Bei Paarfamilien sind es nur gut sieben Prozent. „Arm“ fühlen sich viele Alleinerziehende aber nicht nur finanziell. Doch für Freunde, womöglich eine neue Beziehung oder Hobbies bleibt oft keine Zeit, ein Babysitter kostet zusätzlich Geld. 

 

Immer mehr Kinder wachsen mit nur einem Elternteil auf

Die meisten Alleinerziehenden fühlen sich von ihrem Umfeld, aber auch von der Politik ziemlich alleine gelassen. Dabei nimmt ihre Zahl stetig zu. Noch nie wuchsen so viele Kinder in Deutschland mit nur einem Elternteil auf wie heute. 2,3 von 12,9 Millionen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren leben derzeit in sogenannten Ein-Eltern-Familien. Seit Mitte der neunziger Jahre ist ihr Anteil um rund 50 Prozent gestiegen. In Ostdeutschland und Großstädten sind Familien mit nur einem Elternteil besonders stark vertreten. In Berlin wächst schon jedes dritte Kind nur mit Mutter oder Vater auf, in Hamburg und Bremen sind es 27 Prozent. Jedes Jahr kommen weit über 100.000 neue „Trennungskinder“ dazu.

Die wachsende Zahl von Ein-Eltern-Familien – sie ist sicher auch Folge eines gesellschaftlichen Wandels, der sich kaum aufhalten lässt. Doch jeder Einzelfall ist auch ein Schicksal, denn die wenigsten Mütter sind aus Überzeugung alleine. Auch sie sind mit dem Traum einer funktionierenden Familie in die Schwangerschaft gestartet. Bei einigen endet der Traum schon vor der Geburt, bei vielen kurz danach.

In dieser Situation drohen viele, unter der Last ihrer Alleinverantwortung zu zerbrechen. Vor allem Frauen werden häufig depressiv oder erleiden einen Burn-out, so wie Alexandra. Viele können nicht mehr richtig schlafen, werden Alkohol- oder Nikotinabhängig oder chronisch krank und arbeitsunfähig.

 

Auch die Kinder leiden

Doch nicht nur die Mütter leiden. Auch in der Beziehung zwischen Mutter und Kind hinterlässt das Fehlen der zweiten erwachsenen Bezugsperson seine Folgen. Denn wer in Trauer über Einsamkeit und Partnerverlust, in Schuld oder Wut gefangen ist, der kann die Gefühle seines Kindes nicht richtig wahrnehmen und damit umgehen. Spätestens dann werden auch die Kinder zu Leidtragenden.

Wie verheerend es ist, wenn Kinder keine angemessene Reaktion auf ihre Signale erhalten, zeigt das als „Still face“ bekannt gewordene Experiment des US-amerikanischen Psychologie-Professors Edward Tronick (https://youtu.be/apzXGEbZht0). Geht – in diesem Fall die Mutter – unmittelbar auf die Gefühlsäußerungen ihres Kindes ein, nimmt sie auf, lächelt, entstehen Vertrauen und liebevolle Kommunikation. Bleibt ihr Gesicht regungslos, unternimmt das Kind erneut den Versuch, eine Reaktion auszulösen. Gelingt es dennoch nicht, die Mutter zu einer Erwiderung herauszufordern, beginnt das Kind zu weinen, es ist gestresst, aggressiv und verzweifelt.

Heute wissen wir, dass die Fähigkeit der Eltern, Gefühle ihrer Kinder zu spiegeln und darauf einzugehen, eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein stabiles Selbstwertgefühl und eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kindern ist. Alles, was diesen Prozess auf Dauer stört, erhöht das Entwicklungsrisiko des Kindes. Kinder von Alleinerziehenden, das zeigen traurige Statistiken, werden deswegen später häufiger depressiv, verhaltensauffällig oder drogenabhängig. Vor allem, weil auch die Kinder leiden, brauchen Mütter, die keine Kraft mehr haben, mehr Unterstützung.

 

Alleinerziehende haben keine Lobby

Bis auf alarmierende Zustandsbeschreibungen hat die Politik bislang leider nur wenig zur Lösung der Probleme Alleinerziehender beigetragen. Obwohl sie neben den Alten die einzig dynamisch wachsende Wählergruppe sind, haben Alleinerziehende keine Lobby. Unterhaltsvorschuss bis zum 18. Lebensjahr des Kindes, wie er seit Kurzem gewährt wird, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch die Betroffenen und ihre Kinder brauchen mehr. Vor allem die Mütter brauchen praktische Unterstützung, die ihnen hilft, den Alltag zu meistern und liebevoll mit ihren Kindern umzugehen. Denn die Zweierbeziehung zum Kind ist das Zentrum, um das alles andere kreist: Läuft es hier gut, läuft es auch in der Welt „draußen“ deutlich besser – bei der Arbeit, gesundheitlich, mit dem Ex. Viele Untersuchungen bestätigen das.

Mit „wir2“ setzt die Walter Blüchert Stiftung genau hier an. „Wir2“ ist ein Bindungstraining mit zahlreichen Übungen. Es richtet sich an alleinerziehende Mütter und Väter mit Kindern im Vorschul- und Grundschulalter und unterstützt sie dabei, Selbstvertrauen zurückzugewinnen, die Gefühle ihres Kindes wahrzunehmen und so eine liebevolle Eltern-Kind-Bindung aufzubauen. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe, denn selbstbewusste, starke Mütter oder Väter können ihre persönlichen und sozialen Probleme überwinden und gemeinsam mit ihren Kindern als gesunde Familien am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

 

„wir2“ macht stark

Mehrere tausend alleinerziehende Mütter und Väter haben das Programm inzwischen durchlaufen. Wissenschaftliche Studien bestätigen seinen Erfolg. So waren Depressionen und psychische Belastung bei den Müttern sowie problematisches Verhalten bei den Kindern unter den Teilnehmerinnen, die ein „wir2“-Programm absolviert haben, deutlich seltener als in der Kontrollgruppe ohne Training. „Ich habe so viel Leichtigkeit gewonnen“ berichtet auch Alexandra, die erst vor Kurzem dabei war. „Eigentlich sollte jede Schwangere das Wir2-Programm absolvieren“, sagt sie heute. „Es macht unglaublich stark und hat Freude in unser Leben zurückgebracht.“

Wir möchten, dass mehr alleinerziehende Eltern, vor allem aber ihre Kinder zu Leichtigkeit und Lebensfreude zurückfinden. Deswegen werden wir das „wir2“-Angebot flächendeckend weiter ausbauen. Doch das reicht nicht. Mütter und Väter, die ihren Alltag mit Kindern alleine stemmen, brauchen die Unterstützung von uns allen: Freunden, Nachbarn, Senioren, anderen Eltern, aber auch die Politik ist noch stärker gefordert.

Wir dürfen die Augen nicht verschließen vor den Bedürfnissen junger Familien und ihrer Kinder – gerade wenn es Probleme gibt. Alle Kinder haben ein Recht auf eine möglichst unbeschwerte Kindheit. Egal, mit wem sie aufwachsen.

Herzlichst

Ihr Gunter Thielen



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