16.02.2018
Prävention für Alleinerziehende

Ein Pilotprojekt in Kassel soll bundesweit Schule machen

Familien mit Kindern sind finanziell deutlich stärker belastet als bislang angenommen – vor allem Alleinerziehende. Wie Forscher der Ruhr-Universität Bochum im Auftrag der Bertelsmann Stiftung kürzlich ausgerechnet haben, liegt ihr Armutsrisikoquote nicht, wie bislang angenommen, bei 46 Prozent – und damit schon sehr hoch – , sondern bei 68 Prozent. Gerade bei Alleinerziehenden seien die zusätzlichen Ausgaben für ein Kind im Haushalt bisher deutlich unterschätzt worden, so die Forscher. Gleichzeitig sei es für Alleinerziehende aufgrund der aufwändigeren Betreuungsverantwortung besonders schwierig, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen oder diese auszuweiten.

Aus zahlreichen Untersuchungen wissen wir, dass all das nicht ohne Folgen bleibt. Viele Alleinerziehende fühlen sich stark belastet: die oft schmerzhafte Trennung und alleinige Verantwortung für ein oder mehrere Kinder, Einsamkeit, Geldsorgen und der Mangel an Zeit für eigene Aktivitäten können kräftezehrend sein. Und auf Dauer krankmachen. So haben Alleinerziehende ein 2- bis 3-fach erhöhtes Depressions-Risiko. Außerdem leiden sie öfter unter chronischen Schmerzen und werden häufiger alkohol- oder nikotinabhängig als Mütter oder Väter in Beziehungen.

 

Alleinerziehende: neue Zielgruppe in der Prävention

Eben weil Alleinerziehende und ihre Kinder besonderen materiellen, aber auch psychischen und gesundheitlich Belastungen ausgesetzt sind, sollen sie bei Maßnahmen zur Präventions- und Gesundheitsförderung besonders berücksichtigt werden. So steht es im Präventionsgesetz.

Das Gesetz will die Gesundheit der Bevölkerung verbessern. Dazu wurden die Träger der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung verpflichtet, ihre Ausgaben für Prävention von rund 3,15 Euro pro Versicherten und Jahr auf 7 Euro zu erhöhen. Von den jährlich auf insgesamt 500 Millionen Euro steigenden Präventionsausgaben stehen 300 Millionen für die Prävention in sogenannten Lebenswelten zur Verfügung. Lebenswelten sind die Umgebung, in denen sich bestimmte Gruppen bevorzugt aufhalten. Für Mütter und Väter sind das vor allem Bildungseinrichtungen wie Kitas, Kindergärten und Schulen. Die Idee dahinter: Werden die Betroffenen in ihrer aktuellen Lebenssituation „abgeholt“, sind sie leichter zu erreichen und Projekte zur Verbesserung ihrer Gesundheit können gezielter konzipiert und umgesetzt werden.

 

Erfolgreiche Umsetzung braucht starke Partner

Das ist gut gemeint und gut gedacht, nun muss es aber auch gut umgesetzt werden. Und das geht nicht ohne Partner. So wie in Kassel. Dort wird unser Bindungstraining „wir2“ jetzt in zwei Familienzentren der Stadt angeboten – und zwar als bundesweit erstes Pilotprojekt auf Basis des Präventionsgesetzes. Für das erst Ende Januar gestartete Projekt kooperiert die Stadt Kassel mit dem Verband der Ersatzkassen e. V., Landesvertretung Hessen, mit seinen Mitgliedskassen Techniker Krankenkasse (TK), BARMER, DAK-Gesundheit, Kaufmännische Krankenkasse – KKH, Handelskrankenkasse (hkk) und der HEK - Hanseatische Krankenkasse. 

 

„wir2“ wirkt – wissenschaftlich bewiesen

In dem 20 Sitzungen umfassenden „wir2“-Training, das es nun auch in Kassel geben wird, können sich Betroffene über Probleme austauschen und unter Anleitung zertifizierter Gruppenleiter/-innen lernen, belastende Alltagssituationen besser zu bewältigen. Dabei spielt die Vorbeugung von körperlichen und seelischen Erkrankungen eine wesentliche Rolle.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass „wir2“ gerade hier große Unterstützung leistet. So zeigte sich bei den Teilnehmern ein statistisch signifikanter und nachhaltiger Rückgang psychosomatischer Beschwerden wie Depressionen und chronische Schmerzen. Auch kindliche Verhaltensauffälligkeiten nahmen deutlich ab. Damit erfüllt „wir2“ alle Qualitätskriterien eines modernen Präventionsprogramms im Bereich früher Familienhilfen und ist unter anderem in der höchsten Evidenzkategorie der Grünen Liste Prävention aufgeführt.

 

Vom Pilotprojekt zum Leuchtturm?

Was die Umsetzung im Rahmen des neuen Präventionsgesetzes angeht, ist Kassel ein Pilotprojekt. Wir wünschen uns, dass es Schule macht, denn es ist ein Paradebeispiel erfolgreicher Vernetzung. Damit trägt es dazu bei, solidarisch finanziertes Geld, in diesem Fall die Beiträge der Versicherten, aber auch Know-how und personelle Kapazitäten möglichst sinnvoll einzusetzen: Die Krankenversicherungen füllen ihre Rolle als Gesundheitsförderer mit Leben, die Kommunen bringen ihr Netzwerk vor Ort sein, wir das Projektmanagement und die inhaltliche Expertise, um das Programm in gleichbleibender Qualität nach definierten Standards umzusetzen.

 

Weitere Kooperationspartner gesucht

Seit gut zweieinhalb Jahren ist die Walter Blüchert Stiftung als Social Franchise-Geber Motor und Qualitätsinstanz beim flächendeckenden Rollout von „wir2“. Seitdem haben wir viel erreicht. Rund 1.000 alleinerziehende Mütter und Väter haben am „wir2“-Training teilgenommen. Mehr als 20 Kooperationspartner – von örtlichen Jugendämtern und Jobcentern über Familienzentren, Kitas, Kliniken und Krankenkassen bis hin zu Wohlfahrtsverbänden und Bürgerstiftungen – arbeiten eng mit uns zusammen. Dadurch können wir das Programm inzwischen bundesweit an mehr als 30 Standorten anbieten.

Aber wir möchten, dass es noch viel mehr werden. Denn jedes Jahr werden in Deutschland rund 160.000 Kinder neu zu Trennungskindern. Viele von ihnen leiden unter dieser familiären Situation. Der Bedarf an wirksamer Unterstützung nimmt also weiter eher zu als ab.

Deswegen suchen wir weitere Kooperationspartner, die – wie Kassel – bereit sind, etwas für die weiterhin rasant wachsende Zielgruppe der Alleinerziehenden zu tun: kostenlos für die Teilnehmer, wissenschaftlich bestätigt und – etwa durch die zeitgleich angebotene Kinderbetreuung – mit niedrigen Einstiegshürden und nah an der Lebenswirklichkeit der Betroffenen. Der Alltag ist schließlich schon steinig genug.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Gunter Thielen



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