19.12.2018
Jahresrückblick 2018

Demokratie muss Chancen bieten – wir helfen dabei

Die Schlagzeilen der Medien beunruhigen: Rechtsruck bei Wahlen, nicht nur in Deutschland – Populisten in Europa auf dem Vormarsch – weltweit ungebremste Hasstiraden im digitalen Netz. Die Missachtung von Menschenrechten wird salonfähig.

Ist die Demokratie in Gefahr?

Auch wenn jüngste Untersuchungen der Hans-Böckler-Stiftung die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich untermauern: Zukunftsängste aufgrund der wirtschaftlichen Lage dürften in unserem Land nicht die Ursache für die extremen Entwicklungen sein. Eine solide Konjunktur sorgt für stabile Verbraucherpreise, Beschäftigung auf Rekordniveau, steigende Einkommen und volle Rentenkassen.

Ist die Flüchtlingskrise schuld? So einfach ist es nicht, besagt eine neue Studie der TU Dresden. Die Populismus-Tendenzen im Osten Deutschlands mit ökonomischen Abstiegsängsten zu erklären, greife zu kurz, erklären die Forscher. Ihre Erkenntnis: Ursächlich seien vielmehr Abwertungs- und Deklassierungs-Erfahrungen als Folge der wirtschaftlichen und politischen Veränderungen nach der Wiedervereinigung. Migration sei nur der Katalysator für tiefer gehende Konflikte der empfundenen Ausgrenzungen, werde aber von Rechtspopulisten für die Mobilisierung ihrer Anhängerschaft genutzt – nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Niederlanden, Österreich, Ungarn, Polen, Italien...

Was müssen wir tun, um ein respektvolles und gleichberechtigtes Zusammenleben in der Gesellschaft zu fördern? Wie lässt sich der demokratische Grundkonsens zur Anerkennung von Vielfalt und gleichberechtigter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben stärken? Was muss geschehen, damit unsere Demokratie keinen Schaden nimmt?

Chancen bieten – Ausgrenzungen entgegenwirken

Demokratie fällt nicht vom Himmel. Demokratieprozesse sind Alltagsprozesse und lassen sich am besten durch Erleben lernen. Stiftungen können dazu beitragen. Denn sie fördern und kanalisieren etwas Entscheidendes in unserer Gesellschaft: die Menschlichkeit.

Es geht um den humanitären Kern unserer Demokratie: darum, tatsächlich in der Gesellschaft etwas zu verändern. Es gilt, den gesellschaftlichen Ungleichheiten, dem erschwerten oder unmöglichen Zugang zu sozialen Lebensbereichen entgegenzuwirken. Damit die Chancen auf Teilhabe und Mitwirkung in unserem Lande gerechter verteilt werden. Und damit alle die Chancen der kulturellen Vielfalt spüren und nutzen können. Entscheidend für den Erfolg ist, den ausgegrenzten Menschen Chancen zu bieten und sie selbstbewusst und stark zu machen. Empowerment!

Der Walter Blüchert Stiftung geht es darum, in ihren Projekten Menschen dabei zu helfen, ihre Potenziale und Handlungskompetenzen zu entwickeln, selbstbestimmt zu leben, erfolgreich am gesellschaftlichen Leben mitzuwirken und so unsere Zivilgesellschaft und die Demokratie zu stärken. Gemeinsam mit erfahrenen Partner wie Städten und Kommunen, Siftungen, Wohlfahrtsverbänden, Krankenkassen, Arbeitsagenturen und Jobcentern entwickelt die Walter Blüchert Stiftung gezielt Programme und Projekte.

Empowerment – Beispiel 1: Mehr Chancen für junge Geflüchtete

Mit dem Projekt „angekommen in deiner Stadt“ unterstützen wir gemeinsam mit dem Schulministerium des Landes Nordrhein-Westfalen und großen Städten in Nordrhein-Westfalen junge Geflüchtete und Zugewanderte, die in Deutschland einen Schulabschluss machen und einen Beruf erlernen wollen. Wichtigste Säule des Projektes – neben der schulischen Förderung – ist das Angebot von betreuten Rückzugsräumen und Nachmittagsprogrammen, die den jungen Menschen Orientierungs- und Lebenshilfe geben, damit sie sich im Alltag zurecht finden. Und damit sie das Leben im demokratischen Deutschland kennenlernen.

Die Jugendlichen werden über die Möglichkeiten in ihrer Stadt informiert, wie z. B. Mediennutzung, Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Kultur- und Sportangebote, Umgang mit Geld und gesunde Ernährung. Wichtig sind auch Einblicke in die Arbeitswelt durch Betriebsbesuche, Praktika und vieles mehr – mit dem Ziel, sich beruflich zu orientieren, Perspektiven zu entwickeln und die Zukunft in die Hand zu nehmen.

Wir fördern auch den direkten Kontakt und Austausch mit Nichtmigranten. Denn es ist erwiesen, dass Begegnungen im Verein, beim Sport, mit Nachbarn, bei der Arbeit maßgeblich dazu beitragen, eine positive Einstellung zur Integration zu entwickeln – auf beiden Seiten. Zu diesem Ergebnis kommt übrigens auch das Integrationsbarometer 2018 des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Die Erhebung von 2016/17 bestätigt Deutschland – im Vergleich zu 2015 – nach wie vor ein weitestgehend positiv-stabiles Integrationsklima.

Empowerment – Beispiel 2: Zukunftsperspektiven für Schüler im Abseits

„was geht! Rein in die Zukunft“ heißt unser Programm, das wir gemeinsam mit der Otto Beisheim Stiftung durchführen. Wir unterstützen Schüler mit weniger guten Startvoraussetzungen dabei, ihre Stärken zu erkennen und beim Schulabschluss Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Wir wollen sie aus dem Abseits herausholen und setzen uns für Chancengerechtigkeit ein, um diesen Jugendlichen eine bessere gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Unser Projekt begleitet sie jeweils über ein Jahr bis zum Schulabschluss und anschließend noch ein Jahr beim Start in die Ausbildung oder auf der weiterführenden Schule. Die Jugendlichen erfahren, dass sie selbst entscheiden können, was für sie das Richtige ist und wie es für sie nach dem Besuch des Bildungsganges weitergeht. Professionelle was geht!-Mentoren, Coaches und Trainer helfen ihnen dabei.

Empowerment – Beispiel 3: Orientierungshilfe durch persönlichen Coach

In unserem Projekt „Durchstarten in die Ausbildung“ unterstützen wir junge Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen und große Schwierigkeiten hatten, einen Ausbildungsplatz zu finden. Die Azubis werden durch persönliches Einzel-Coaching betreut. Auch dieses Programm folgt dem Leitgedanken, Hilfe bei der Orientierung in unserer Gesellschaft anzubieten. Das Ziel: auch den Jugendlichen Chancen auf soziale Teilhabe zu eröffnen, die Probleme haben, sich in unserem Bildungssystem zurecht zu finden.

Die Walter Blüchert Stiftung trägt in dem Projekt einen Teil der Ausbildungskosten, indem sie mit den Lehrbetrieben eine Fördervereinbarung abschließt. Und sie arbeitet mit ehrenamtlichen Helfern, die die Jugendlichen über den Ausbildungszeitraum persönlich betreuen und Kontakt zu den entsprechenden Betrieben halten. Davon profitieren nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die teilnehmenden Unternehmen – und damit letztendlich die Gesellschaft.

Empowerment – Beispiel 4: Starthilfe für ausländische Akademiker

„hochform“ heißt das Projekt, das die Walter Blüchert Stiftung und die Deutsche Universitätsstiftung gemeinsam entwickelt haben: ein nachhaltig wirksames Programm, das Akademiker aus dem Ausland mit persönlichem Eins-zu-eins-Coaching durch das Studium begleitet und sie fit macht für den deutschen Arbeitsmarkt.

Akademiker, die als Flüchtlinge in Deutschland leben, stehen bei der Arbeitssuche ausnahmslos vor Sprach- und System-Barrieren und verlieren viel Zeit beim Versuch, eine ihrer Ausbildung entsprechende Arbeit zu finden. Dabei ist der Bedarf der Wirtschaft gerade an MINT-Fachkräften groß! Das hochform-Programm hilft den Teilnehmern, die Hürden beim Start in Deutschland zu überwinden und ein Masterstudium zu absolvieren. So verbessern sich ihre Chancen deutlich, in kürzester Zeit einen qualifizierten Abschluss zu machen und fit zu werden für den deutschen Arbeitsmarkt.

Empowerment – Beispiel 5: Bindungstraining stärkt Alleinerziehende

Mit unserem Bindungstrainings-Projekt „wir2“ setzen wir uns dafür ein, dass Alleinerziehende und ihre Kinder mehr Chancen für soziale Teilhabe erhalten. Aus zahlreichen Studien wissen wir, wie belastend die Lebenssituation für Ein-Eltern-Familien sein kann. Das wissenschaftlich entwickelte wir2-Programm unterstützt Alleinerziehende, die sich professionelle Unterstützung wünschen, um im Alltag zu bestehen.

Das Bindungstraining wirkt präventiv gegen den Alltagsstress. Betroffene Alleinerziehende schöpfen im wir2-Training nachweislich neues Selbstvertrauen. Vielen von ihnen fällt es nach dem Kurs wieder leichter, tägliche Aufgaben wie die Kindererziehung und/oder Erwerbstätigkeit zu erfüllen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Davon profitieren auch die Kinder, die eine glückliche Kindergarten- und unbeschwerte Schulzeit erleben können und sich in unserer Gesellschaft willkommen fühlen.

Ausgrenzungen entgegenwirken

Es ist bekannt: Wenn sich Menschen aus dem gesellschaftliche Leben an den Rand gedrängt oder ausgegrenzt fühlen, entwickeln sich Parallelgesellschaften. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht von Bewährungsjahren für die Demokratie, fordert mehr Dialog mit den Andersdenkenden. Wie das funktionieren soll? Versuchen wir es im Kleinen, im Konkreten, im Alltag. Versuchen wir, Misstrauen und Ängste zu unterdrücken. Gönnen wir nicht nur unserer Familie ein Lächeln, nette Worte. Versuchen wir es draußen: im Büro, im Taxi, auf der Straße oder an der Haltestelle. Gegenüber dem Nachbarn und gegenüber dem Neuling im Stadtteil. Die Angst vor Fremden lässt sich vor allem durch Nähe bekämpfen.

Fest steht: Programme für Willkommenskultur reichen nicht aus. Statt appellativer Konzepte für Integration brauchen wir eine Gesellschaftspolitik, die allen Menschen in unserem Land Teilhabe-Chancen bietet – und damit eine Vision für eine gemeinsame Zukunft, die ein Zusammenwachsen von Mehrheits-und Einwanderungsbevölkerung erlaubt.

Demokratie fällt nicht vom Himmel

Nein, unsere Demokratie ist nicht in Gefahr – aber sie fällt auch nicht vom Himmel. Ausgrenzungen vermeiden, Partizipation ermöglichen: Je früher es gelingt, Menschen beim Überwinden von persönlichen und sozialen Barrieren zu helfen, ihr Selbstbewusstsein und ihre Kompetenzen zu stärken, desto größer sind die Chancen, dass sie mitgenommen werden und ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gelingt.

Mit unserer Projektarbeit wollen wir dazu beitragen, den sozialen Zusammenhalt und damit die Demokratie in unserem Land zu stärken – für ein friedliches Miteinander.

Ihr

Gunter Thielen



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