20.12.2019
Jahresrückblick 2019

Gerade jetzt, in der Vorweihnachtszeit, nehmen viele Menschen wahr, wie wenig friedlich die Welt ist. Es vergeht kaum eine Nachrichtensendung ohne alarmierende Ereignisse. Nicht die Kriege, die weltweiten Unruhen meine ich, sondern den öffentlich demonstrierten Hass, die zunehmende Brutalität in unserem Land.

Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, Angriffe im Netz, gewalttätige Attacken gegen Politiker, Lehrer und Schiedsrichter, aggressive Autofahrer mit erhobenem Stinkefinger, Gaffer, die Unfall-Opfer filmen, Tätlichkeiten gegenüber Rettungskräften: Das gesellschaftliche Klima ist deutlich rauer geworden. Über 80 % der Bevölkerung bestätigen das. Übergriffe statt Respekt, Ausgrenzungen statt Miteinander – da dürfen wir nicht wegschauen.

Schulen in besonderer Verantwortung

Extrem erschreckend: die Entwicklung in unseren Schulen: Forscher der Universität Frankfurt haben ca. 3500 Schüler im Alter zwischen 8 und 14 Jahren befragt, wie sicher sie sich in ihrer Schule fühlen. 60 % erfährt dort Ausgrenzung, Hänseleien oder sogar körperliche Gewalt. Trotz zahlreicher Maßnahmen der Schulsozialarbeit oder Projekte wie  „Schule der Vielfalt“ oder das „buddY“-Projekt in NRW: Mobbing gehört zum Schulalltag.

Dabei trägt gerade die Schule eine besondere Verantwortung, wenn es um unsere Zukunft geht; denn sie ist die einzige Institution, die alle Kinder und Jugendlichen erreichen kann: als Ort demokratischer Wissensvermittlung – auch Medienkompetenz! – und gleichzeitig demokratischer Erfahrungsraum. Deshalb sind gerade hier Vorbilder so wichtig. Vorbilder, die Haltung zeigen, die einschreiten gegen Diskriminierung und  ihren Schülern klar machen: Der Hass darf nicht siegen. Schule kann und soll den aufklärenden und bewussten Umgang mit Vielfalt, das Eintreten für Menschenrechte und Solidarität fördern. Aber wie?

Kinder stark machen – Potenziale fördern

Die Walter Blüchert Stiftung hat im Bereich Schule einen Projektschwerpunkt. Das Programm „was geht! – Rein in die Zukunft“, das wir zusammen mit der Beisheim Stiftung fördern, unterstützt Jugendliche verschiedener Schulformen beim Übergang ins Berufsleben. Vor kurzem haben wir – nach Gütersloh, Bielefeld, Dortmund und Essen – auch mit der StädteRegion Aachen eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Und wir haben herausgefunden, dass Jugendliche, die mit Hilfe von Mentoren ihre Potenziale und Stärken erkennen, viel Selbstbewusstsein entwickeln und den Mut, persönliche Entscheidungen zu treffen – nicht nur bei der Berufswahl. Das „was geht!“-Programm macht die Teilnehmer zu Gewinnern – ebenso wie unser Projekt „Durchstarten in die Ausbildung“, bei dem wir mit ehrenamtlichen Betreuern Jugendlichen helfen, die einen Ausbildungsplatz suchen. Statt enttäuscht und verunsichert können sie optimistisch in die Zukunft blicken.

Auch unser Stiftungsprojekt „angekommen in deiner Stadt“ gibt Schülern Starthilfe. Zusammen mit dem NRW-Schulministerium und den Kommunen in Dortmund, Münster, Bielefeld, Essen und dem Kreis Recklinghausen unterstützen wir junge Geflüchtete dabei, in Deutschland Fuß zu fassen. Vor allem das Angebot sicherer Rückzugsräume und außerschulische Lernorte tragen zum Erfolg des Integrationsprogramms bei. Jugendliche des Bielefelder „angekommen“-Projektes, die beim Musiktheater „Malala“ mitgemacht haben, wurden sogar mit der Nominierung zum Deutschen Musical Theater Preis belohnt. Ein schönes Erfolgserlebnis! Wir erleben immer wieder: Vor allem selbstbewusste Kinder, die an sich glauben, sind in der Lage, sich gegen Aggressionen zu wehren und dem Gruppendruck zu widersetzen. Deshalb ist es so wichtig, sie auf ihre Stärken hinzuweisen.

Exklusion spaltet. Mehr Teilhabe-Chancen!

Das raue gesellschaftliche Klima bekommen vor allen diejenigen zu spüren, die nur einge-schränkt am sozialen Leben teilhaben können. Die Folgen der Exklusion für das soziale Zusammenleben: „Dazugehören“ und „Nichtdazugehören“ spaltet. Der zunehmende Extremismus in Deutschland zeigt: Randgruppen erstarken, der Konsens der Mitte schrumpft. Die Basis unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens bekommt Risse.

Sozial ausgegrenzt, am Rande der Gesellschaft: Dazu gehören auch viele, die von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind. Mit dem Programm „neustart“ will die Walter Blüchert Stiftung diesen Menschen zur Seite stehen und sie wieder zurück ins Arbeitsleben führen. Im Dortmunder Pilotprojekt werden die Teilnehmer z.B. zum Altenpfleger und Ver-käufer ausgebildet. Jobcenter, IHK, Handwerkskammer und Wirtschaftsförderung arbeiten zusammen. Unser gemeinsames Ziel: weniger Abbrüche durch persönliche Begleitung.

Auf dieses Erfolgskonzept setzen wir übrigens auch im Programm „hochform“, das wir mit der Deutschen Universitätsstiftung als Partner entwickelt haben. Akademiker aus dem Ausland werden von Professoren in persönlichem Eins-zu-Eins-Coaching durch das Studium begleitet, so dass sie in kürzester Zeit einen qualifizierten Abschluss machen können.

Zu den Menschen, die oft auch das Gefühl erleben, ausgegrenzt zu sein, gehören Alleiner-ziehende. Sie müssen viele Herausforderungen meistern – oft gefolgt von gesundheitlichen Problemen. Diesen Betroffenen wollen wir mit unserem Projekt „wir2“ helfen: ein Bindungs-training, das die seelischen Belastungen verringern und elterliche Kompetenzen stärken will – übrigens auch zum Wohle der Kinder; denn auch ihnen droht soziale Ausgrenzung, wenn Alltagsprobleme Mutter oder Vater krank machen .

Die Kluft zwischen den Menschen

Es gibt in Deutschland nicht nur die oft beklagte Kluft zwischen Arm und Reich, sondern auch die Kluft zwischen Menschen, die sich respektvoll, freundlich und mitfühlend verhalten – und denen, die unverschämt, grob, ruppig, aggressiv auftreten. Vor allem im Internet wüten selbst bürgerliche Mitmenschen gegen Andersdenkende und ignorieren demokratisch-zivilisatorische Mindeststandards. Wer früher gesellschaftliche Regeln verletzte, wurde geächtet – heute wird er durch die Sozialen Medien zum Helden: je abartiger der Inhalt, desto mehr „Follower“.

Ob Regierung, Politiker, Gesetzeshüter, Lehrer, Schüler, Eltern, Stifter: Jeder von uns ist gefordert, Grenzen zu setzen, wo Menschlichkeit und Anstand verletzt werden. Von Albert Einstein stammt der Satz: „Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben – nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen.“ Wir alle sind in der Pflicht, wenn wir nicht als Mitläufer gelten wollen. Dazu gehört Mut. Deshalb ist ja gerade in der Erziehung auch Selbstbewusstsein so wichtig!

Mut-Bürger statt Wut-Bürger

Weihnachten steht vor der Tür, Zeit der Besinnung und Zeit der Wünsche. Wie schön wäre es, wenn aus Wut-Bürgern wieder mehr Mut-Bürger würden: Menschen mit Haltung, Respekt und Empathie gegenüber ihren Mitmenschen. Das Vorbild der jungen Klima-Aktivistin Greta Thunberg zeigt, was eine Schülerin mit ihrem Engagement erreichen kann: Jeder von uns kann etwas bewegen. In diesem Sinne:

Ein frohes Fest, erholsame Feiertage und alles Gute für ein erfolgreiches neues Jahr!

Ihr

Gunter Thielen



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