01.09.2020
Weil Angst krank macht: Corona-Folgen für Familien im Auge behalten!

Der Trend beunruhigt: Nicht nur in Deutschland ist die Zahl der CoVID19-Infizierten nach der Sommerzeit stark angestiegen. Der Präsident der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, warnt vor den Folgen eines zweiten bundesweiten Corona-Lockdowns: "Wenn es dazu käme, dass Schulen und Kitas wieder schließen müssten und Eltern nicht mehr arbeiten könnten, würden das einige Branchen wahrscheinlich nicht überstehen.“ Statements wie diese machen deutlich, wie eng verknüpft die Zukunft von Familien und Wirtschaft ist und wie bedrohlich der Blick auf die Entwicklung des Infektionsgeschehens.

Rettungsschirme und Sozialpakete

Beruhigend ist: Die Bundesregierung setzt alles daran, die deutsche Wirtschaft zu stabilisieren. Dafür spannt sie einen der weltweit größten Rettungs-Schutzschirme mit Überbrückungshilfen, Bürgschaften und Garantien, steuerlichen Erleichterungen sowie unbegrenzten Liquiditätshilfen, um die Folgen der Corona-Pandemie zu bewältigen.

Auch Familien erhalten Unterstützung: zum Beispiel leichteren Zugang zum Kinderzuschlag, einen Kinderbonus, Anpassung des Elterngeldes, zusätzlich Steuerfreibeträge für Alleinerziehende etc. Aber wenn die Situation sich langfristig nicht verbessert? Was dann? Mit wachsenden Corona-Infektionen wächst die Unsicherheit der Menschen.

Corona-Notfall Bildung

Von der Corona-Pandemie ist auch das deutsche Bildungssystem heftig getroffen. Die Krise zeigt: Es fehlt die Infrastruktur für digitale Bildung. Schulverwaltung und Lehrpersonal sind überfordert; es mangelt an Hardware, didaktischer Kompetenz, Personal und kreativen Konzepten.

Besonders problematisch: Corona verschärft die soziale Ungleichheit der Chancen auf Bildung, wenn es Eltern überlassen bleibt, Home-schooling und den Umgang mit digitalen Medien zu vermitteln. Leider gilt auch nach der Sommerpause vielerorts für den Corona-Schulalltag: Unterricht findet fast nur frontal statt; es gibt keine Förderkurse, keinen Musikunterricht, oft nicht einmal Sportunterricht. Eltern und Kinder fragen sich: Wie lange noch? Wie geht es weiter?

Kreativität ist gefragt

Dabei gibt es durchaus kreative Lösungen, auf die Corona-Kontaktbeschränkungen zu reagieren. In unserem Flüchtlingsprojekt angekommen in deiner Stadt Bielefeld , eine Kooperation der Walter Blüchert Stiftung mit dem NRW-Schulministerium und der Stadt, gab es gezieltes „homeoffice“ für 300 Schülerinnen und Schüler: Mathe, Deutsch und Englisch online, bei Bedarf aber auchTelefon-Kontakt oder Päckchen per Post. Zum Programmangebot gehörten auch Rätselspiele, Stadterkundungen, Sport-Aktivitäten, Koch-Pakete mit Rezepten und Zutaten und sogar ein Zeitungs-Magazin mit Erinnerungen an die ersten Wochen der Corona-Zeit.

Auch unsere angekommen-Teams in Dortmund, Essen, Münster und Recklinghausen haben vielfältige Projektideen ausprobiert, um trotz Corona die persönlichen Kontakte zu den Jugendlichen im Programm aufrecht zu erhalten.

Die Experten sind sich einig: Es ist durchaus wünschenswert, aus der Not eine Tugend zu machen und das deutsche Bildungssystem nun schnellstmöglich zu verbessern. Die Corona-Bestimmungen sind mit Einschränkungen verbunden; aber vielleicht schaffen sie sogar Raum für neue Ideen, bringen eine andere, bisher unbekannte Dynamik in Gruppenprozesse – verbunden mit Entschleunigung und Ruhe?!

Unsichere Zukunft birgt Gefahren

Klar ist: Die Politik muss den Verlauf der Corona-Infektionen im Blick behalten und im Einzelfall reagieren. Ein gutes Beispiel: Vor kurzem (21.8.2020) hat Niedersachsen als erstes Bundesland Hilfen für Jugend- und Familienbildungseinrichtungen angekündigt, die durch die Corona-Krise in finanzielle Not geraten sind; die Träger dieser Einrichtungen können eine Förderung ab sofort online beim Landessozialamt beantragen.

Allerdings: Bei vielen Kommunen führte die fehlende Planbarkeit künftiger Entwicklungen dazu, dass umgehend Haushalts-Budgets eingefroren wurden – sogar für Gesundheits-Maßnahmen. Dabei ist bekannt, dass gerade jetzt diese Zeiten mit Verunsicherung und Ängsten bei den Menschen zahlreiche gesundheitliche Probleme mit sich bringen können.

Isolation, Streit zwischen Eltern und Kindern, Krach mit dem Ehepartner – die Corona-Krise hat selbst intakte Familien vor enorme Herausforderungen gestellt. Umso prekärer ist die Lage für Alleinerziehende, die Tag für Tag die emotionale und häufig auch finanzielle Alleinverantwortung für die Familie tragen. Sie leiden ganz besonders unter den äußeren oder seelischen Umständen. Die Folgen sind absehbar: Zukunftsängste, Schlaflosigkeit, psychosomatische Erkrankungen sowie ein erhöhtes Risiko für Depressionen.

Chronischer Stress und die Folgen

Es besteht die Gefahr, dass in Corona-Zeiten Angstgedanken zum Dauerzustand werden und sich zur Panik steigern. Epidemiologische Studien belegen: Chronischer Stress kann die Immunabwehr so stark schwächen, dass die Betroffenen deutlich krankheitsanfälliger werden und sogar früher sterben. Auch dieser Corona-Auswirkungen sollten sich die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft bewusst sein und im Gesundheitssystem den zu erwartenden psychischen und psychosomatischen Folgen präventiv begegnen:  also Budgets nicht reduzieren, sondern den Herausforderungen entsprechend aufstocken.

Anhand der Projekt-Erfahrungen unserer Stiftung wissen wir: Die besonders verletzliche Gruppe der belasteten Alleinerziehenden und ihre Kinder finden beim Bindungstraining wir2 wirksame Hilfe. In den Gruppensitzungen lernen sie, die Mutter-Kind-Beziehung zu stabilisieren, das elterliche Feingefühl zu stärken und insgesamt die Gefahr einer drohenden Depressivität zu reduzieren.

Wirksame stationäre Hilfe für belastete Alleinerziehende, die bereits erkrankt sind, bieten beispielsweise die Celenus-Kliniken in Bad Schömberg und im sächsischen Bad Elster mit der Rehabilitationsmaßnahme wir2Reha: ein Klinik-Programm für Mütter mit begleitender Kinderbetreuung, das in enger Abstimmung mit den örtlichen Gesundheitsbehörden stattfindet. Begrenzte Klinikauslastungen und gestiegene Hygienekosten dürfen auch hier nicht aus Kostengründen Maßnahmen für Ein-Eltern-Familien reduzieren. Denn gerade diese Betroffenen benötigen die „Auszeit“, um wieder ein geregeltes Familienleben führen und später ins Erwerbsleben zurückkehren zu können.

Es liegt auf der Hand: Wir müssen wachsam bleiben in diesen Corona-Zeiten und die möglichen Folgen der Einschränkungen, mit denen wir leben müssen, mit Verantwortungsbewusstsein und Solidarität im Auge behalten. Die Hoffnung bleibt, dass wir es schaffen, die Chancen für notwendige Veränderungen zu nutzen, die diese Krise sichtbar macht. Familien und Kinder dürfen nicht die Verlierer der Corona-Pandemie werden.

In diesem Sinne: Bleiben Sie achtsam und gesund!

 

Ihr Gunter  Thielen



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