14.03.2019
Wie uns junge Mediziner aus anderen Kulturen dabei helfen, die Kluft zwischen Stadt und Land zu überwinden

Viele von Ihnen werden den Bestseller „Medicus“ von Noah Gordon gelesen haben. Das Buch handelt von einem Mann, der im 11. Jahrhundert bei persischen Ärzten sein Handwerkszeug lernt und später selbst erfolgreicher Mediziner wird. Die Handlung ist fiktiv, könnte aber – so oder so ähnlich – durchaus stattgefunden haben, denn kluge Köpfe aus dem arabischen Raum gaben damals in der Wissenschaft den Ton an. Vor allem der von Avicenna (eigentlich Abu ‘Ali al-Husayn ibn Sina, 980 - 1037) erstellte „Kanon der Medizin“ zählte über Jahrhunderte zum Standardwerk der Medizin. Er enthält eine Vielzahl von zu dieser Zeit einzigartigen Beiträgen, zum Beispiel über die ansteckende Natur von Krankheiten wie Tuberkulose. Dass Seuchen von Mensch zu Mensch übertragen werden können, wusste man in Europa noch nicht einmal, als 300 Jahre nach Avicennas Tod die Pest grassierte. Die Zeiten haben sich geändert. Persien existiert nicht mehr, der heutige Iran sorgt weltpolitisch für Wirbel, als Zentrum des wissenschaftlichen Fortschritts gilt das Land eher nicht mehr. Aber es gibt viele Menschen – gerade auch junge Akademiker – , die aus dieser Gegend zu uns kommen. Wir können sie bestens gebrauchen.

Deutschland driftet immer weiter auseinander Denn auch Deutschland hat sich stark verändert. Immer mehr gut ausgebildete Menschen ziehen in die Metropolen, wo sie tolle Jobs bekommen und ihren Kindern und Familien eine optimale Infrastruktur bieten können: von medizinischer Versorgung über ein breites Kulturangebot bis hin zur Bildung – alles ist in großer Auswahl vorhanden. Damit kommt ein Teufelskreis in Gang, denn je mehr Menschen dem Ruf der Ballungszentren folgen, desto mehr Wissen und Geld sammelt sich dort – und desto schwieriger wird die Situation auf dem Land. Viele Geschäfte dort haben schon vor Jahren geschlossen, Kinder müssen weite Wege zur nächsten geeigneten Schule auf sich nehmen, werdende Mütter finden keine Gynäkologen und Senioren keine Hausärzte mehr. Das ist keine Frage von Ost oder West, Nord oder Süd. Es ist immer öfter eine Frage von Stadt oder Land. Wo die einen viel zu viel haben – Stichwort Ärzteversorgung – haben die anderen viel zu wenig. Allein in diesem und im nächsten Jahr werden etwa 50.000 niedergelassene Ärzte in den Ruhestand gehen. Das wird die Situation weiter verschärfen, denn damit schließen auch viele Landarzt-Praxen ihre Türen, bei denen es keinen Nachfolger gibt. Denn junge Ärztinnen und Ärzte, die in attraktiven Städten wie München oder Heidelberg studiert haben, möchten anschließend nur selten aufs Land. Viele scheuen auch die unternehmerische Verantwortung. Insbesondere Medizinerinnen möchten lieber angestellt oder Teilzeit arbeiten. Man kann es ihnen nicht verdenken. Doch die wachsende Kluft zwischen den Metropolen und dem „abgehängten Rest“ macht den Menschen Angst. Sie fragen sich, ob es gerecht zugeht in einem Land, in dem die Lebensbedingungen – übrigens aller steuerfinanzierten Umverteilung zum Trotz – so unterschiedlich sind. Wie die Wahlergebnisse der vergangenen Jahre gezeigt haben, hinterlässt die Entwicklung längst auch in der Politik ihre Spuren. Immer mehr Menschen wählen Parteien am Rande des demokratischen Spektrums oder folgen Protestaufrufen von Aktivisten, die genau hier Abhilfe versprechen. Das fügt unserem Gemeinwesen großen Schaden zu. Es verschärft die Spaltung. Das Problem aber löst es nicht.

Akademisierung und moderne Technologien eröffnen neue Chancen – auch für den ländlichen Raum Parallel spielt ein anderer Trend in dieser Diskussion eine nicht unwichtige Rolle: die zunehmende Akademisierung medizinischer Berufe. Dadurch werden nicht-ärztliche Berufe weiter aufgewertet und Ärztinnen und Ärzte besser entlastet – etwa durch akademisch ausgebildete MTA´s oder Krankenschwestern, die bei Patienten vor Ort Daten aufnehmen und diese zur Begutachtung telemedizinisch an den Arzt weiterleiten. Wenn zeitintensive Hausbesuche oder bürokratische Aufgaben delegiert werden können, entstehen aber Freiräume für die eigentlich wichtige ärztliche Arbeit: die am und mit dem Patienten. All diese Themen – Landärztemangel, Akademisierung nicht-ärztlicher Berufe, technologischer Fortschritt — prägten die Debatte, als wir im vergangenen Jahr mit unserem langjährigen Kooperationspartner, der Deutschen Universitätsstiftung (DUS), darüber diskutiert haben, was wir zur Linderung des Landärztemangels und der wachsenden Kluft zwischen Stadt und Land tun können. Gemeinsam mit der DUS betreiben wir das erfolgreiche „hochform“-Stipendienprogramm, mit dem wir Akademiker aus Kriegs- und Krisengebieten dabei unterstützen, in Deutschland ihr naturwissenschaftliches Studium abzuschließen und einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden. Da kam uns der „Medicus“ in den Sinn ... Denn für junge Mediziner etwa aus Syrien ist es eine Selbstverständlichkeit, sich nach Abschluss ihres Studiums für einige Zeit für eine Tätigkeit auf dem Land zu verpflichten. Erste Initiativen aus Bayern oder dem Saarland gehen in eine ähnliche Richtung: bevorzugte Studienplatzvergabe beziehungsweise eine finanzielle Förderung für angehende Mediziner, die anschließend auf dem Land praktizieren wollen.

„Medicus“: Unser Konzept gegen Versorgungsmisere und wachsenden Unmut Auch wir wollen unseren Beitrag dazu leisten – und dafür genau die Menschen gewinnen, die es nicht anders kennen: Gemeinsam mit der Deutschen Universitätsstiftung und weiteren Partnern unterstützen wir deswegen mit dem neuen Stipendienprogramm „Medicus“ gezielt Medizinstudenten, die die ärztliche Infrastruktur im ländlichen Raum verbessern wollen und bereit sind, sich schriftlich dazu zu verpflichten. Viele der infrage kommenden Kandidatinnen und Kandidaten sind bereits in Programme der Deutschen Universitätsstiftung eingebunden, der Großteil hat Migrationshintergrund, viele stammen aus dem arabischen Raum. Zu den Voraussetzungen für die Teilnahme an „Medicus“ zählen ein Studienplatz in Medizin in Deutschland, Deutschkenntnisse auf C1-Niveau sowie eine adäquate Finanzierung, beispielsweise durch BAFÖG. Interessenten können sich jetzt bewerben. Das Alleinstellungsmerkmal von „Medicus“ besteht – wie beim Programm „hochform“ – darin, dass alle Teilnehmer individuell durch einen fach- und studienortnahen Hochschullehrer als Mentor betreut werden. Darüber hinaus werden sie in Workshops zu Telemedizin, unternehmerischer Praxisführung im ländlichen Raum, Personalmanagement und Digitalisierung auf ihre künftige Arbeit vorbereitet. Sie werden gecoacht, erhalten Zugang zu wichtigen – auch ärztlichen – Netzwerken, Fachveranstaltungen und Fördersymposien und haben damit die besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Einstieg in den hiesigen Arbeitsmarkt. Wir sind sicher, dass den Teilnehmern später viele Türen offenstehen. Dazu trägt nicht nur die intensive und zielgerichtete Vorbereitung bei, sondern auch die Offenheit dieser jungen Menschen. Regionale Präfenzen innerhalb Deutschlands sind ihnen eher fremd. Sie fühlen sich hier (überall) wohl und freuen sich, später ihren Traumberuf ausüben und ihrem Gastland damit etwas zurückgeben zu können. Wenn sie so funktioniert, bekommt Integration damit für mich eine wichtige neue Dimension.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Gunter Thielen



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