Teil 1 des Interviews "Zehn Jahre wir2"
Seit 2014 unterstützt das Programm wir2 Alleinerziehende. Die Initiatoren Prof. Dr. med. Matthias Franz, wissenschaftlicher Leiter, und Prof. Dr. Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Walter Blüchert Stiftung, geben Einblicke in die Hintergründe und die Entwicklung des Bindungstrainings – und sie verraten, was für die Zukunft geplant ist.
Warum widmen Sie sich der Unterstützung von Alleinerziehenden?
Matthias Franz: Eine konflikthafte elterliche Trennung ist eines der schmerzlichsten Lebensereignisse für alle Betroffenen. Nicht umsonst spielt eine kindheitlich oder als Eltern erlebte Trennung in vielen Psychotherapien eine große Rolle. Unterstützung und Hilfe sind in einer so belastenden Situation oft dringend nötig.
Gunter Thielen: Mit unseren zielgruppenspezifischen Programmen möchten wir als Walter Blüchert Stiftung dazu beitragen, Menschen in verschiedenen Lebenssituationen zu stärken und resilient zu machen. Indem wir Alleinerziehende unterstützen, können wir helfen, nicht nur ihnen, sondern auch ihren Kindern ein gutes, gesundes Leben zu ermöglichen – und das kann sich letztendlich als Mosaikstein positiv auf unsere gesamte Gesellschaft auswirken.
Wie ist das Programm wir2 entstanden?
Matthias Franz: Die Ursprünge des Programms wir2 liegen schon länger zurück. Mitte der 90er konnten wir in der Mannheimer Kohortenstudie, einer großen epidemiologischen Studie zum Verlauf und den Ursachen psychosomatischer Erkrankungen, erstmals zeigen welche gravierenden Auswirkungen die kriegsbedingte Vaterlosigkeit auf die vielen Kriegskinder der Geburtsjahrgänge 1935 bis 1945 hatte. Noch im Erwachsenenalter erkrankten sie deutlich häufiger an psychischen und psychosomatischen Erkrankungen als die Kriegskinder, die in den ersten sechs Lebensjahren mit dem Vater aufwuchsen. Dadurch war mein wissenschaftliches Interesse an diesem Forschungsfeld geweckt. Man hatte damals die große entwicklungspsychologische Bedeutung der Väter und die gravierenden Folgen ihres Fehlens noch nicht erkannt.
Im Anschluss untersuchten wir an der Uniklinik Düsseldorf mit der Düsseldorfer Alleinerziehendenstudie ab Anfang der 2000er Jahre die gesundheitliche Situation von alleinerziehenden Müttern und ihren häufig ebenfalls ohne Vater aufwachsenden Kindern. Das Ausmaß der Belastungen, die wir in dieser damals ersten großen Studie zu den psychosomatischen Belastungen Alleinerziehender und ihrer Kinder fanden, war erschreckend – das damalige Desinteresse der Politik in Kommunen, Ländern und auf Bundesebene an diesen Befunden allerdings auch.
In einem Team aus Ärzten und Psychologen haben wir bis 2010 gefördert vom Bundesforschungsministerium in einem weiteren Forschungsprojekt ebenfalls an der Düsseldorfer Uniklinik ein präventives bindungsorientiertes Unterstützungsangebot speziell für Alleinerziehende entwickelt und methodisch anspruchsvoll evaluiert. Wir konnten in einer kontrollierten, randomisierten Studie zeigen, dass dieses Programm, das damals noch PALME hieß, hochwirksam war – und zwar nachhaltig.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Walter Blüchert Stiftung?
Matthias Franz: Das war ein glücklicher Zufall. Nach Entwicklung des Programms drohte das Programm mit dem Abschlussbericht in der Schublade zu verschwinden. Unser Forschungsteam an der Uniklinik war mit einem kleinen Trägerverein allein nicht in der Lage das Programm trotz seiner nachgewiesenen hohen Wirksamkeit in die Fläche zu bringen. Es fehlten weitsichtige Partner in der Politik, die über ein ausreichendes Problembewusstsein verfügten und die Ausweitung und Implementierung in den Kommunen unterstützten.
In dieser kritischen Situation wurde die Walter Blüchert Stiftung auf das Programm aufmerksam. Sie hat es sich zum Ziel gemacht, Menschen in besonderen Problemlagen mit zielgruppenspezifischen Programmen präventiv zu unterstützen. PALME passte daher genau zum Anliegen der Stiftung. Als die Zusammenarbeit mit der Walter Blüchert Stiftung beschlossen war und nach einer intensiven Prüfungsphase auch ein Neustart feststand, bekam das Programm seinen heutigen Namen: wir2, ein Bindungstraining für Alleinerziehende.
Welche Meilensteine prägten die Entwicklung des Programms?
Gunter Thielen: Wichtig war zunächst, ein Kooperationsmodell zu implementieren, so dass die Institutionen vor Ort das Programm eigenständig durchführen können. Inzwischen gibt es bundesweit 36 Kooperationspartner, und seit 2014 haben wir mehr als 300 Gruppenleitungen ausbilden können, zusätzlich zu den 300 Leitungen, die vorher ausgebildet worden waren, als das Programm noch PALME hieß.
Zudem haben wir ein Dreistufenmodell entwickelt, das es ermöglicht, in unterschiedlichen Settings von wir2 zu profitieren: Ergänzend zum ambulanten Angebot gibt es nun an psychosomatischen Rehakliniken für alleinerziehende Eltern und ihre Kinder gemeinsam das stationäre sechswöchige Programm wir2Reha, getragen von der DRV-Bund, sowie eine dreiwöchige Kompaktversion. Darüber hinaus kann wir2 auf der Basis des maßgeschneiderten Online-Programms wir2@home digital umgesetzt werden.
Welche Hürden gab es?
Matthias Franz: Aus psychoanalytischer Sicht muss man sehen, dass das Thema familiäre Trennung intuitiv Angst erzeugt, weil wir alle uns vor dieser Erfahrung fürchten. Dieser Rückzugsreflex beeinträchtigt nicht selten sogar die Wahrnehmung der traurigen Fakten. Und Fakt ist, dass Hilfe für Alleinerziehende nicht nur finanzieller Art sein muss. Sie muss wie bei wir2 auch in Form emotionaler Unterstützung erfolgen.
Eine weitere Hürde war, das wir2-Bindungstraining für Alleinerziehende aus der Theorie in die Praxis, also in die Kommunen, in die Lebenswelten der Alleinerziehenden vor Ort zu bringen. Dies gestaltete sich trotz Wirksamkeitsnachweis zunächst sehr schwer – wir bildeten aufgrund des großen Interesses zwar viele Gruppenleitungen aus, aber die Umsetzung der wir2-Gruppen im kommunalen Setting, die Finanzierung und damit auch das Erreichen der Alleinerziehenden stellten die Kommunen vor größere Herausforderungen.
Diese Probleme konnten wir durch die Unterstützung der Walter Blüchert Stiftung und Ausarbeitung eines Kooperationsmodells zum Glück zunehmend lösen. Mit ihrer Unterstützung gelang es auch manche Krankenkassen und die Deutsche Rentenversicherung für das Programm zu interessieren. Auch die Verabschiedung des Präventionsgesetzes hat geholfen.
Für mich ist jedoch weiter schwer erträglich, dass Alleinerziehende und ihre Kinder zwar offiziell vermehrt in den Fokus gerückt wurden, jedoch letztlich, insbesondere in Krisensituationen wie der Corona-Pandemie, politisch und gesellschaftlich immer wieder doch allein gelassen werden. Ich wünsche mir, dass sich das in Zukunft ändert.
Prof. Dr. Gunter Thielen
Prof. Dr. med. Matthias Franz
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